Interview

Wie ich zur Farbe Weiß kam - Kurzinterview von Ulrike Lehmann

Leo Erb:Zunächst habe ich Grafik bei Joseph Wack, dem Vater von Frau wack, meiner heutigen Galeristin, studiert. Neben Grafik studierte ich noch Perspektive und Schattenkonstruktion. Das ist eine weiße Angelegenheit. Die Struktur ist nirgendwo stärker als im weiß enthalten. Licht und Schatten ergibt größte Plastizität. So kam ich zur plastischen Form. Bewundert habe ich immer de Chirico und seine ausgetrockneten Bahnhöfe. Die waren so still, und ich liebe die Stille. Da ich kein Epigone werden wollte, hab ich meinen Weg selbst gesucht und gefunden in der Schattenkonstruktion, in der Kinetik und in Form. Wenn Sie zwei Kuben übereinander stellen, erzeugt das Schatten und wieder neue Formen. Das hat den Grundkonstruktivisten in mir geweckt. Weil ich nur mit Struktur un Licht gearbeitet habe, um die plastizität der form zu erreichen, habe ich keine Farbe gebraucht. Farbe hat es damals keine gegeben, sie interessierte mich auch nicht. In den Schattenkonstruktion war genug Plastizität vorhanden. Ich habe die Plastizität vorgezogen. Das ist nicht Abstraktion, das ist reine Poesie.

Bei der Betrachtung der „Endlosen Treppe (Monument für Ernst Bloch)“ von Max Bill vor dem Wilhelm-Hack-Museum:

Ich bin für das Systematische, aber Poesie oder mit Philosophie. Das Systematische ohne Poesie ist keine Kunst. Ich wollte mal Bücher schreiben, aber da habe ich gedacht, zum Bücherschreiben braucht man viel zeit...

Ulrike Lehmann: Wie sind Sie zu den Linien gekommen?

Zu den Linien bin ich durchs Schreiben gekommen. Die Linie ist der Bildträger der Schrift. In manchen Werken ist auch nocht Schrift zu erkennen. Ich habe Urkunden geschrieben für den Klerus, nächtelang. Eines Tages war ich der Schrift so satt, dass ich die Schrift habe fallen lassen und mich nur noch der Linie bediente. Die Linie wurde für mich das bildnerische Mittel. 1968 ist das Buch „Vie er mort de la ligne“ entstanden – kurz nach dem Tod meiner Frau, die von einer Lokomotiv überfahren wurde, und im jahr der Revolte in Paris hab ich das gemacht. Als Deutscher durfte man sich nicht mehr blicken lassen. Dann habe ich einen Drukker gesucht und einen Engländer kennengelernt, der uns eine Druckmaschine lieh, und gedrukt haben wir das in vier Wochen. Auf der documenta 6, die Manfred Scneckenburger leitete, hab ich das Buch dann gezeigt.

Wie kommen Sie auf das Material?

Wir hatten die Ittensche Bauhauslehre, das heißt materialgerechtes Arbeiten. Ich hatte kein Geld und habe Ausschau halten müssen nach Material, was ich gefunden habe und was mich nichts gekostet hat. In der Westpfälzischen Verlagsdruckerei in St. Ingbert habe ich Papier nehmen können, soviel ich wollte und bildnerisch gearbeitet. Ich habe Papier geknickt, ge­rissen - es gibt viele Möglichkeiten, wie man Papier reißen kann. Man kann es stechen, man kann es sägen und knüllen - das habe ich von Max Ernst Papierarbeiten gelernt. Sehen Sie, das ist jetzt plastisch geworden. Wenn Sie ein Stück Papier reißen und vor was an­deres stellen, erscheint das Vordere weißer als das andere. Da werden auch Kindheitserinne­rungen wach ...

Welche?

Jedes Kind hat schon mit Papier gearbeitet. Wir haben es zerrissen, gekocht und damit Kasper­köpfe geklebt.

Welche Erinnerungen gibt es noch?

Mein Vater hat mich einmal mit fünf Jahren geschlagen. Das hat mich mein Leben lang ge­ärgert. Er hat sich nicht entschuldigt und mich enterbt. Dann kam einer und hat ein Bild ge­kauft für 120.000 DM! Sehen Sie, da war es beglichen.

Aber das hat jetzt nichts direkt mit Ihrer Kunst zu tun?

Ja und Nein. Mein Vater hat meine Kunst zerschlagen und verbrannt.

Sie waren doch erwachsen, als Sie Kunst gemacht haben?

Meine Objekte hat er zerschlagen mit der Axt und verbrannt, da war ich fünfzig. Ich habe dennoch weiter gemacht, mich nicht unterkriegen lassen. Mein Vater wollte Künstler werden und er hat es nicht geschafft. Er war erst Page in Bad Godesberg beim Grafen Erben und hat Leute bedient. In der Nazizeit musste er als Schweißer arbeiten, das hat ihn geärgert. Ich war in Russland. Dann war ich am Leunawerk bei Merseburg, was Helmut Kohl später an die Franzosen verkauft hat. Die haben Benzin aus Kohle hergestellt und Gummi. Das Werk habe ich vernebelt, mit der Luftabwehr 30 Quadratkilometer weiß gemacht, dadurch haben die das nicht gefunden, weil wir das Leunawerk geschützt haben vor den Luftangriffen.

Mit Nebelsäure haben wir Nebel gemacht, alles war weiß, restlos weiß. Die Blätter an den Bäu­men waren braun. Die Säure hat das verursacht.

In Russland habe ich mir die Füße erfroren. Alles war weiß und 30 Grad Kälte.

Wann waren Sie da?

1942/43 war ich da und für ein halbes Jahr dort. Ich habe nicht gemerkt, wann der Krieg zu Ende ging. Zwei Jahre war ich beim Militär.

Sie waren erst bei der Luftabwehr und dann in Russland?

Nein. Ich war in der Tschechoslowakei, in Olmütz in der Zeughauskaserne. Dort habe ich mein Zimmer weiß ausgemalt.

„Selbst ist der Mann und schickt den anderen nicht voran.“ Diesen und andere Sprüche habe ich geschrieben, mit Schleifen geschmückt und neben die Tür meines Hauptmanns gehängt. Deshalb wurde ich nach Russland geschickt. Und wissen Sie, wie ich aus Russland rausge­kommen bin? Ich habe gesagt, den ersten Krieg haben wir gewonnen und den gewinnen wir auch. Diese Aussage bedeutete die Zersetzung der Wehrkraft. Ich bin ans Leunawerk gekom­men und habe die Flugabwehr bekommen, das war eine eigene Abteilung 1943/44. Dann war ich in Bretzenheim im Hungerlager. Da habe ich die Amis gemalt. Deshalb bin ich nicht verhungert. Dort habe ich auch die Weinberge gemalt und mit Faszination die Linien in den Bergen gesehen (vgl. S. 37). Wie ging es dann weiter?

Nach dem Aufenthalt in Bretzenheim war ich bei einem Arzt in Langenionsheim einquartiert. Da kam ein Amerikaner hin und stellte mir ein Mädchen vor, eine Künstlerin aus dem Sieben­gebirge. Die saß am Fenster und hat mit einem Skalpell für die Amerikaner Kärtchen ge­schnitten. Als der Papiers pan hochsprang, hat es bei mir »Klick gemacht«. Ich habe mir diese Methode angeeignet und Ende der 40er Jahre mit einem Skalpell in Holz und Papier geritzt. So bin ich auch auf die Papierschnitte gekommen.

Nach dem Krieg bin ich nach hause gefahren, nach Saarbrücken. Dort haben die Franzosen die Hochschule für Kunst und Handwerk wieder eröffnet, die die Nazis geschlossen hatten. Kuhns aus Ludwigshafen und Frans Masareel waren die bekanntesten Lehrer dort.

Die Schüler, die nicht gefallen waren, standen da wieder. Da habe ich sofort eine Gruppe ge­gründet. Ich wollte die Zeit aufholen, aber das geht nicht. Das kann man nicht machen. Proust und die verlorene Zeit. Zeit, die verloren ist, kann man nicht mehr aufholen. Die »Neue Gruppe Saar« habe ich mit Professor Boris Kleint gegründet. Dann kam die Gruppe Zero dazu. Heinz Mack und Otto Piene haben sich gemeldet. Wir haben zusammen ausgestellt.

Wo war Ihre erste Einzelausstellung?

1957 in Saarbrücken in der Galerie Elitzer. Da hat die Zeitung geschrieben: »Ein Mondsüchtiger stellt aus.«

Wie kam sie dazu?

Das weiß ich nicht. Journalisten kommen auf alles. Das war ein toller Erfolg. Da haben die Leute nach dem Mondsüchtigen geschaut.

»Je schlimmer die Leute schreiben, umso größer der Erfolg«, hat meine Frau gesagt.

Wann sind Sie dann nach Paris gegangen?

1960. »Wir sind niemand«, habe ich gesagt. Und wir müssen uns nach Goethe halten, der sagte: »Mit den Kleinen bleibst du klein und mit den Großen wirst du groß.« Da haben wir uns an die Größeren gehalten. Ich habe Max Ernst in Paris kennengelernt und Picasso.

1975 bin ich nach Deutschland zurückgegangen, weil die Kinder ihr Abitur hatten und in Deutschland weiter studieren wollten. Als Künstler, und das ist ganz wichtig, muss man ei­nen Background haben. Wenn Sie in Frankreich bleiben, kennt Sie hier niemand. Picasso hat alles gemacht, was zu machen war, der hat Glück gehabt und wurde auch in Deutschland ge­fördert.

Wie sind Sie zu den kinetischen Objekten gekommen?

Ich war in Paris bei Michel Seuphor. Das war der Mann für kinetische Kunst am Centre Co-Mo, einem Institut für Konkrete und Konstruktive Kunst.

Meine Kinder hatten einen Hamster, und mit dem habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe ihn in eine Schachtel getan, über die ich Stoff gespannt habe. Von außen sah man die Bewegungen, die der Hamster unter dem Stoff vollzog. Aber meine Kinder sagten, die Franzosen seien das tierliebste Volk, da habe ich dann kleine Motorrollen auf Holz gespannt (vgl. S. 59).

Auch in Ihrer Privatwohnung und im Atelier ist alles weiß - die Möbel, das Geschirr, die Einrichtung, die Wände. Sie kleiden sich weiß, fahren ein weißes Auto und auch die Sommerblumen im Vorgarten blühen ausschließlich in weiß.

Durch die Bauhauslehre bin ich auch auf weiße Möbel gestoßen, die bis heute in meiner Woh­nung sind. Es gibt keine Farbe, die farbiger ist als Weiß. Bei Weiß muss man Farbe bekennen. Ich fühle mich nirgendwo freier als im Weiß. Ich habe auch meiner Frau immer weiße Blumen geschenkt. Und die hat das auch akzeptiert. Manchmal, ganz heimlich, hat sie sich gelbe Tul­pen gekauft ... Mein Herz ist weiß und schlägt links.

Was wünschen Sie sich zum 80. Geburtstag?

Einen Rasierpinsel und eine vernünftige Frau, damit es weitergeht.

Und was wünschen Sie sich für Ihre Kunst?

Dass ich noch möglichst viel erfinde. Kunst ist Erfindung und weiter gar nichts. Ein Künstler muß Erfinder sein. Sie sehen doch an den kinetischen Objekten, daß ich ein Erfinder war ...

Das Gespräch wurde geführt am 24.9. 2002, 19. 1. und 20. 1. 2003.